Anarchismus in der Türkei
Dritter Teil

Interessant ist, daß sich auch einige Personen des öffentlichen Lebens mittlerweile als Anarchisten bezeichnen. So beispielsweise ein bekannter Sänger und mindestens ein Philosophieprofessor der Uni Mimar Sinan, Istanbul, Ömer Naci Soykan, der sogar schon für "Ates Hirsizi" geschrieben hat. Es gibt auch eine Reihe anarchistischer Musiker, wie den Lead-Sänger der Laz-Rockband, Zugasi Berepe (Alt-Laz ist eine georgisch-griechisch-u.a.m. Mischsprache, Sprache der Volksgruppe der "Lasen", heute türkischer Dialekt mit Laz-Einsprengseln). In Deutschland lebt der anarchistische Liedermacher Yasar Kurt.

Sogar die Entsprechung zu den christlichen AnarchistInnen des Abendlandes gibt es in der Türkei: "Islamische AnarchistInnen". Diese machten Ende der 90er Jahre mit Happenings wie Ankettungen auf sich aufmerksam. Ihr Motto ist: ,,Es gibt nur eine Autorität: Allah!" Ob Religiöse jedoch tatsächlich als "AnarchistInnen" angesehen werden können, darüber werden sich die Geister wohl noch die nächsten drei Ewigkeiten streiten. Einer der prominentesten Mitglieder besagter Gruppe ist übrigens ein bekannter Schriftsteller, Nihat Genç, der in Deutschland aufgewachsen sein soll. Er hat drei bis vier Romane veröffentlicht. Außerdem gab es in Ankara ein bis zwei Ausgaben einer Zeitschrift der Gruppe mit Namen "Çete" (etwa: Bande, Banditen).

Als zwei weitere Zeitschriften mit stark libertärem Einschlag sind die Literaturzeitschriften Beyaz (seit 1982) und göçebe (seit 1995) zu nennen.

Mittlerweile sind weitere libertäre Verlage gegründet worden, wie z.B. "Kaos Yayinlari", der Verlag der "Feuerdiebe". Eine beachtliche Anzahl anarchistischer Bücher sind erschienen oder stehen im Begriff veröffentlicht zu werden. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen, seien hier beispielhaft einige der wichtigsten genannt.

"Der kurze Sommer der Anarchie" von Hans Magnus Enzensberger hat in der Türkei eine ähnlich bedeutende Wirkung, wie ehedem und immer noch im deutschen Sprachraum. Viele Menschen erfahren über ihn zum ersten Mal von relevanten revolutionären Massenaktionen der AnarchistInnen und beginnen, Interesse an weiteren Informationen zu zeigen, insbesondere über Verlauf und Wirkung der Spanischen Revolution. So ist gerade eben auch das Werk von Abel Paz "Durruti, Ein Volk in Waffen" erschienen. Aber auch Emma Goldmanns Lebenserinnerungen, "Die Machnowtschina" von Arshinov und das aktuelle "Manifest des Unabombers" aus den USA stehen oben auf der Hitliste. Zudem sind eine Reihe Büchern und Broschüren von türkischen Autoren zu verschiedenen Themen erschienen, einige davon im Karambol-Verlag in London, dem wichtigsten türkischen A-Exilverlag. Eine vollständige Liste der zur Zeit erhältlichen Bücher aus anarchistschen türkischen Verlagen mit Preisen und Bestellmöglichkeiten findet sich am Ende dieses Artikels. Dennoch ist das nicht alles. Auch in einigen bürgerlichen, liberalen und linken Verlagen sind anarchistische Titel erschienen so z.B. drei Bücher von Murray Bookchin und Werke des libertären Wissenschaftskritikers Prof. Paul Feyerabend, der 1995 gestorben ist. Hier geht die Rezeption sogar bis in rechte Kreise, wie Veröffentlichungen konservativer Blätter über den Autor beweisen. Eine genaue Auflistung der erschienen libertären Bücher muß einer weiteren wissenschaftlichen Bearbeitung vorbehalten bleiben.

Festzustellen bleibt jedenfalls, daß zur Zeit auf allen Ebenen ein ungeheurer Ideentransfer in die Türkei stattfindet und man allen Ernstes von einem "Rezeptionsrausch" sprechen kann. Selbstredend ist dies nicht auf anarchistische Themen begrenzt, sondern umfaßt nahezu alle Gebiete sozialer, philosophischer, kultureller und technischer Diskussion. Dies deutet darauf hin, daß sich die türkische Gesellschaft in einer äußerst dynamischen Phase ihrer Entwicklung befindet und für die Zukunft große Umwälzungen zu erwarten sind. Besonders spannend dürfte an dieser Stelle die neuerliche gegenseitige Befruchtung morgenländischen und abendländischen Denkens sein.

Die Lage der AnarchistInnen in der Türkei Ende 1996 ist davon gekennzeichnet, daß sie in einem Land leben, in dem ein erbarmungsloser Bürgerkrieg mit volkermörderischen Tendenzen tobt, der von den NATO-Partnern der Regienung toleriert und mit modernen Massenvernichtungswaffen bestückt wird. Der männliche Teil der Bevölkerung wird als Kanonenfutter für diesen Krieg mißbraucht, an dem vor allem die USA und die BRD als die größten Waffenlieferanten profitieren. Abgesehen von den krassen Menschenrechtsverletzungen in der kurdischen Kriegsregion müssen türkische Menschen das Militär- und Polizeisystem einer Pseudodemokratie ertragen, in dem Verhaftungen ohne Anklage, manipulierte Gerichtsverfahren, Folter und "Verschwindenlassen" an der Tagesordnung sind. Heer, Polizei, Verwaltung und Politik sind zudem korrupt bis auf die Knochen und, wie ein Verkehrsunfall Anfang November 1996 zeigte (ein Abgeordneter der islamistischen REFAH-Partei, ein Polizeichef und ein seit 18 Jahren durch Interpol gesuchter rechtsradikaler Terrorkiller verunglückten im selben PKW, der mit Waffen und Abhörgeräten beladen war, nach einem fidelen Hotelbesuch, wo sie anscheinend auch mit dem Innenminister ein Date hatten), mit dem organisierten Verbrechen und Rechts-Terrorismus aufs Engste verflochten. Unter der demokratischen Fassade hält nach wie vor das Militär die Zügel in der Hand das in seiner Machtfülle zumindest solange nicht reduziert werden wird, wie der Krieg gegen die Kurden dauert. Gleichzeitig existieren nach wie vor mit dem Staat verquickte, faschistische Mörderbanden, die ebenso wie fanatasierte Muslime der sog. Fundamentalisten Jagd auf Andersdenkende machen. Linksradikal sein ist in der Türkei mit Gefahr für Leib und Leben verbunden.

An der Oberfläche erblicken wir eine anscheinend mit demokratischen Institutionen ausgestattete Gesellschaft und ein in den Metropolen westeuropäisch geprägtes Leben mit orientalischen Einsprengseln. Das Leben ist geschäftig und läßt im Alltag kaum etwas von den Konflikten unter der Oberfläche oder dem nur wenige hundert Kilometer entfernten Kriegsschauplatz ahnen. Das Vorbild der Polizei ist offenbar der US-Sheriff, wie auch das städtische Umfeld starke Merkmale eines US-orientierten Konsum- und Kulturlebens aufweist. Riesige Reklametafeln, Fastfoodtempel mit McUniformierten, Malls und Einkaufsstraßen, Regale mit auffallend vielen Produkten aus dem Westen, vor allem der BRD, lassen den Eindruck aufkommen, daß das öffentliche Leben vor allem an westlichen Normen orientiert ist. Dazwischen immer wieder das Rufen der Muezzins zum Gebet das nachhaltig an den religiosen Hintergrund der Gesellschaft erinnert.

Auffallend ist auch, daß die REFAH-Partei als islamistische Protestpartei geschickt mit sozialistischer Symbolik hantiert (Halbmond statt Sichel, Ähren statt Hammer), was mich als Deutschen an ein entsprechendes Vorgehen der Nazis erinnert.

In der Türkei gibt es Ende '96 nur zwei namentlich bekannte anarchistisc Gnuppen eine in tstanbul und eine andere in Ankara. Dennoch ist die Id des Anarchismus anscheinend sehr popular, vor allem unter jungen Leu In allen Landesteilen soll es SympathisantInnen und lockere Gruppen Freundschaftsbasis geben. Allerdings hatten die GenossInnen auch e/n kritische Bemerkungen zu einem ~Lifestyle-Anarchismus~ parat, der ~ vielen Leuten, vor allem von (Macho-)Typen so interpretiert werde: ~sich u nichts kummern viel saufen, kiffen, Musik horen und mo~qlichst viele Frau vogeln~. Diese Kategorie ~Anarchist~ sei weitverbreitet.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dal3 einer der Schwerpu anarchistischer Politik in der Türkei die Bekampfung des Patriarchalismu allen seinen Formen ist. Bemerkenswert ist, daß die Zusammensetzung beiden organisierten Gruppen zu 50% weiblich sein soll. Das Interesse anarchafeministischen Positionen ist stark, aber bekanntlich ist das Ang an Literatur ja auf diesem Gebiet eher schwach, so daf! eher auf aligemeinen Positionen des Feminismus differenziert zunuckgegri werden mun Wenn auch in Istanbui der Eindruck vorherrscht, daß hlann die (?) Worffuhrer sind, ist doch zumindest deren Bereitschaft ausdnidd vorhanden, gegen patriarchales Verhalten und patrrarchale Sbrukb anzugehen. Immerhin,kamen mir wahrend meines kurzen Aufenthaltes bei ~ ren Freunden doch mehrere Frauen zu Gesicht jedoch hatte ich aus ~runden und z.T. auch wegen Sprachbarrieren nur wenig Gelegenheit stmehreren von ihnen zu reden.

kach den Erfahrungen der letzten beiden Jahrzehnte mit illegalen, b~Yaffneten Bewegungen in der Türkei, ist die Strategie der jetzt ~cstrerenden Gruppen stnkte Legalitat - naturlich soweit mensch nicht stl~ch knmmalisient wird. Die Gruppen begreifen sich in erster Linie als rcnagandagruppen zur Popularisierung der anarchistischen Ideen Sie sind ~ Überzeugung, daß eine illegale Arbeit nur zu staatlicher Paranoia und zu Überreaktionen dieser Seite fuhren wurde. Das heillt nicht, sich publizistisch aul verbreten zu lassen. Hier werden unvermeidliche Risiken in Kauf enommen Dre Türkei ist ja bekanntlich nicht gerade ein Hort der Pressefreiheit.

-- Grundprinzip der Arbeit ist absolute Drogenfreiheit im weiteren Sinne h,agsdrogen wie Alkohol oder Tabak schlielit das nicht ein (leider- hust') D rch Drogen wurden die Leute schlapp, unzuverlassig und von der Polizei ~t- und erpressbar. Das hat was fOr sich. Und zum Gluck wirkt sich das ar mcht so aus, daß w/r es hier mit klostergleichen AsketInnen zu tun n Dennoch konnte ich sogar harte verbale Auseinandersetzungen a Cannab~sgenuf! registrieren.

no war eine für mich überraschende Grundhaltung der Technik wber: s~e wird von beiden Gruppen als notwendiges Ubel angesehen rn l~chterer Zukunft abzuschaffen sei. Industrie und Stddte sollten lefft und der Weq zuruck aufs Land und in die Natur gehen. Das ~che Idyll wird als utopische Wohnform angesehen, naturfich befreit von eutfgen Engsbrnrgkeit und jeder anachronistischen Moral. Als nenschrftt musse mensch zumindest Teile der Stadt einfach abreiBen. outer und ahnbches Teufelszeug des Kapitalismus wurden in Zukunft tweg überflussig, wenn die Menschen wieder von der eigenen, nemdeten Hande Arbeit leben wurden. Eine solch direkte Produktion ege Jegifchen Konsumismus aus. Wie mensch an der ironischen fahl des Autors merkt kann sich dieser jener Sicht der Dinge nicht anschhegen. Auch m den USA kursiert zur Zeit eine Diskussion über Dosnfven anarchfstischen ~Primitivismus~ der Zukunft. Dies ist also aus kem Spezff kum der Türkei, und ich kann mich entsinnen daß wir etwa funfzeNn Jahren eine dhnliche Diskussion in deutschen und ~n europafschen Landen fuhrten - mit dem Ergebnis daß heute u alle Projekte mit Computern arbeiten, wie ja auch die türkischen Genosstnnen. Dabei will ich nicht ausschliellen, dal3 es gute Argumente li eine solche Lebensform geben konnte. Ob sie allerdings von allen mach~ oder auch wunschenswert ist, halte ich für durchaus ungekldrt. Nicht we, wird zu dieser Utopie der Sience Fiction Roman der US-Anarch`3g,femfnfs, Ursula K. Leguin, ,,P/anet der Habenichtse" (Heyne SF 3505) befgetrage. - haben, der nicht nur be~ t motivierend (gewesen) fst.

ine groß e Hoffnung ist für viele AnarchistInnen in der Türkei auch Freiheitskampf des kurdischen Volkes Als lange vernachlassigte Pro der Türkei sind viele autoritare Strukturen bei den KurdInnen nicht ausgepragt vorhanden. Aullerdem ist noch einiges vom traditioneften E und Leben erhalten. Eine groß le Anzahl von kurdischen Menschen mittlenweile mit anarchistischen Ideen in Beruhrung gekommen und s ihnen aufgeschlossen gegenüber. Viele AnarchistInnen in der Türke'u außerhalb sind KurdInnen Es existiert die Erwartung, daß der Konfl'kt Kurdistan über kurz oder lang in der einen oder anderen Art von Kompro enden wird. Die nationaie Befreiung wird dabei durchaus kritisch geseh die stalinistische PKK ist nicht gerade an der Spitze der Beliebtheitss unter den Kurd nnen und wird vielerseits nur als das ,,kleinere U angesehen, aber eben als Ubel Es gibt zu ihr keine Aiternative Gewi Anzeichen sprechen überdies dafur, daß sich die PKK infolge der Brefte ffffffU; Bewegung ebenso wie aufgrund der tagespolitischen Anforderungen fri- einem Wandel zu mehr Demokratie und Mitsprache befindet. Es w~rd Einschatzung vertreten, daß eine stalinistische PKK n friedensvertragsfahig und verhandlungsfahig ist. Für den Fall eines wie a immer geafteten Fnedensschlulles erhoffen sich die AnarchistInnen fast schlagartige Verbreitung ihrer Ideen in Kurdistan, die zur Zeit unter Kriegsbedingungen nicht moglich ist. Der OpUmfsmus fm Bezug auf starke kurdische anarchistische Bewegung und einen moghchen E'nftu3 die Neuformierung einer autonomen kurdischen Regfon fst groß 3.

Groß 3 ist auch der Optimismus im ailgemeinen: ,,Du wirst sehen, die Tu w/rd e/n neues Spanien! Ja mehr a/s das! /ch bin da ganz zuversich sagte mir einer der Genossen in Istanbul.

Wenn ich auch mit der Zumessung meines Optimismus etwas vorsichtiger , so bm fch doch der Mefnung, daß diese Vision vielleicht nicht ganz aller undlagen entbehrt.

Wenn wir heute die Situation der türkischen AnarchistInnen betrachten so s~e eng mit der unseren venwoben. Mil.'ionen von türkischen und rdfschen Menschen ieben in diesem Land, viele von ihnen aus politischen nden Wahrschemifch gfbt es in und aus keinem anderen Land als der desrepubhk Deutschland eine derartig groß e Chance und besondere hchke~ten, unsere türkischen Genossinnen zu unterstutzen. Durch die tfaltung unserer eigenen Aktivitat hierzulande konnen wir auch viele ~sche Menschen mit unseren Ideen in Beruhrung bringen und diese zur pOskion stellen Durch die immer noch starke wirtschaftiiche Lage der und das daraus folgende W8hrungsgefalle sind wir in der Lage, auch nge matenelle M'ttel fn der Türkei mit den dort lebenden Genossinnen ktfv emzuseken (Bücher kosten dort nur einen Bruchteil des hiesigen tellungsprefses). Diese Unterstutzung ist um so wichtiger da sich onalchauv' m stsche, faschistische und islamisch-fundamenta.'istische fse dfesen Umstand schon lange zu Nuke machen Als bm~htaristInnen sollten wir an erster Stelle Mannern türkischer atsangehorigkeit behilflich sein, sich dem Zupriff der vOlkermorderischen r amanila zu entzfehen. Und nicht zuletzt gilt es, zusammen mit eren türkfschen GenossInnen, eben jenen nabonalen und internationa.`en hfsmus und Rassismus zu behampfen, der uns taglich hier wie dort jns ' s steht und dessen Ziel hier oR genug Menschen türkischer Herkunft Wenn wfr dem gemeinsam unseren Entwurf einer gewaltlosen und i I chaftsfreien Gesellschaft entgegensetzen konnen werden f I ationale Solidaritat und die Auflosung patnarchaler Strukturen von der ~ ! ase zur konkreten Utopie.


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